Interview: Boysetsfire
junge Welt vom 03.06.2006, Das Gespräch führte Ingar Solty
Wir befinden uns im vierten Jahr des Irak-Kriegs. 2002 gab es ein Boysetsfire-Song, in dem darauf hingewiesen wurde, daß der 11. September 2001 für die »herrschende Klasse einem erhörten Gebet« gleichkam, um das neoimperialistische Projekt mit »hard power« in die Tat umzusetzen. Mittlerweile aber scheint die US-Bevölkerung den offenen Militarismus einigermaßen satt zu haben, was sich in den niedrigsten Umfrageergebnissen widerspiegelt, die George W. Bush je erhalten hat. Warum ist die neue Boysetsfire-CD »The Misery Index: notes from the plague years« so pessimistisch ausgefallen?
Chad Istvan: Die rückläufige Zustimmung zum Irak-Krieg hängt schlicht und ergreifend damit zusammen, daß man die gesamte Angelegenheit so dermaßen vermasselt hat und der Irak-Krieg einfach von Grund auf falsch gewesen ist, daß selbst die engsten Anhänger der Bush-Clique sich mittlerweile zur Distanzierung gezwungen sehen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß im Allgemeinen eine konservative Grundstimmung das ganze Land ergriffen hat.
Das heißt, daß der außenpolitische Neokonservatismus an Zustimmung verliert, ohne daß der innenpolitische Wertkonservatismus in die Krise gerät?
Nathan Gray: Definitiv. Insbesondere die christliche Rechte hat sowohl im Fernsehen als auch im Kino etc. mittlerweile kaum mehr einnehmbare Festungen errichtet, auch wenn sie stets so tut, als sei das Gegenteil der Fall, als leide sie unter der Herrschaft einer übermächtigen (links-)liberalen Elite. Mit der Krise des Irak-Kriegs geht keine Infragestellung der sicherheitspolitischen Einschränkungen der Bürgerrechte einher. Auch agiert die Bush-Clique weitgehend ungehindert in der Steuerpolitik, im Bildungsbereich und in der Umweltpolitik.
In unserem Umfeld – der Hardcore- und Punkszene – artikuliert sich der Konservatismus in Haltungen wie »Ach, davon will ich nichts hören, laßt mich bloß mit eurer Politik in Frieden«, sobald man Leute mit linker Politik und linken Inhalten konfrontiert. Während diese Menschen vielleicht der Auffassung sind, daß die Dinge momentan irgendwie doch schief laufen, wollen sie gleichzeitig auch nicht damit behelligt werden. Sie wollen ihr Leben ungestört genießen, fernsehen, essen, schlafen etc. Solange sie noch irgendwie über die Runden kommen, lassen sie sich nicht involvieren. In den USA sind die politisierbaren Leute entweder sehr jung und noch voller jugendlich-rebellischem Elan und Enthusiasmus oder sie sind extrem arm und wirklich am Ende. Mit anderen Worten: Es ist eine ziemlich schwierige Angelegenheit, den Durchschnittsamerikaner irgendwie politisch zu animieren.
Trotzdem hat sich in Reaktion auf die ökonomischen und politischen Krisen eine globalisierungskritische Bewegung entwickelt, die seit den militanten WTO-Protesten 1999 in Seattle wie ein linker Aufbruch wirkt. Erlebt man das in den USA anders?
Gray: Dem Geist von Seattle wurde mit dem Irak-Krieg der Hahn zugedreht. Es machte sich die Ansicht breit: »Was soll das alles noch, es bringt ja doch nichts!« Wir machen uns keine großen Illusionen darüber, was gegenwärtig für die Linke zu erreichen ist. Wer sich eine realistische Nüchternheit bewahrt, kann Rückschläge besser verkraften und sich sagen: »Egal, das ist nur eine schwer zu nehmende Hürde, wir bleiben weiter dran!« Gleichzeitig denke ich, daß eines der größten Probleme der Linken die Linke selbst ist. Denn während die Rechte so verdammt gut organisiert und aufgestellt ist und am gleichen Strang zieht, ist die Linke so sehr damit beschäftigt, Belanglosigkeiten auseinanderzupflücken und untereinander hermetische Grenzen hochzuziehen. Das Unglaubliche an Seattle bestand ja gerade darin, daß plötzlich unsentimental-pragmatische Bauarbeiter mit Ökos und Umweltschützern abhingen. Das war weder vorher noch nachher der Fall.
Seit Anfang 2004 ist von einigen Beobachtern eine Repolitisierung der amerikanischen Kulturproduzenten ausgemacht worden. Angefangen bei einigen Schriftstellern – Tony Kushner, Sam Shepard, Jonathan Franzen, Richard Powers, Jeffrey Eugenides – bis hin zur Punk- und Hardcoreszene, wo vormals unpolitische Bands dem Vorbild der klassischen Vorreiter der amerikanischen politischen Punkszene – Bad Religion, aber auch Anti-Flag oder Strike Anywhere – folgten und politische Konzerte gaben. Stimmt das nicht ein wenig hoffnungsvoller?
Istvan: Wenn es eine solche Repolitisierung gegeben hat, dann meines Erachtens nur auf kleiner Flamme; eine Entwicklung, bei der nicht über die einfache Fuck-Bush-Pose hinausgegangen wurde, was weder besonders tiefsinnig noch weitreichend ist.
Gray: Bei Green Day beispielsweise ist das nicht mehr als ein Aufspringen auf einen Zug, der gerade mal ein wenig an Fahrt gewonnen hat, wobei die Fahrtrichtung jedoch unklar ist. Man muß das mal aus einer anderen Perspektive betrachten: 2003 veröffentlichten wir »Tomorrow Come Today«. Die Platte ging absolut den Bach runter. Das soll jetzt nicht heißen, daß das nur wegen der auf der Platte ausgedrückten politischen Haltung passiert ist.
Ich will uns hier nicht zu Märtyrern stilisieren. Wahrscheinlich hing das auch damit zusammen, daß den Radiostationen die zündenden Hitsingles auf unserem Album fehlten. Trotzdem hatte unsere Plattenfirma große Schwierigkeiten, die Platte irgendwo unterzubringen. Wind-Up hatte uns vor dem 11.September unter Vertrag genommen. Nach dem Erfolg von »After the Eulogy« (2000), war das Geschäftsinteresse von Wind-Up größer als die Bedenken gegenüber unserer politischen Haltung. Nach dem 11. September wurden unsere Platten in den USA dann mit warnenden Aufklebern vertrieben, auf denen zu lesen war, daß unsere Plattenfirma keinesfalls mit unserer politischen Agenda übereinstimme. Mein Weihnachtsgeschenk vom Plattenfirmenboß war ein Foto von ihm mit Laura und George W. Bush.
Green Day und einige andere Bands äußerten sich erst dann politischer, als die vom 11. September ausgehende Lähmung langsam nachließ. Damit will ich nicht sagen, daß diese Bands alle gänzlich unaufrichtig gehandelt haben. Doch sie ließen sich von der Drohkulisse der Rechten, jegliche Kritik an der Politik der Regierung als unpatriotisch und unamerikanisch darzustellen, dermaßen einschüchtern, daß wir mit unserer Kritik an Bush, dem Afghanistan- und dem sich anbahnenden Irak-Krieg jahrelang fast allein dastanden. Das zeigt, wie wenig weitreichend die Politisierung der amerikanischen Populärkultur gediehen ist. Denn Politisierung heißt auch, sich der Meinungsmacht der herrschenden Klasse im Ernstfall widersetzen zu können.
Ihr stammt alle aus Delaware, das oft als der Süden des Nordens bezeichnet wird, der nicht nur äußerst agrarisch, sondern auch stark gewerkschaftsfeindlich geprägt ist. Wie gelangt man vor diesem Hintergrund überhaupt zur Arbeiterbewegung und zum Marxismus?
Gray: Wir politisierten uns alle etwa zur selben Zeit an der Schule. Chad und ich standen uns zunächst mit unterschiedlichen Positionen gegenüber und diskutierten die untereinander aus, wobei wir unsere Argumentationsgrundlagen aus Büchern bezogen. Mit diesem »Hobby« standen wir allerdings ziemlich alleine, denn in der Redneck-Umgebung, aus der wir stammen, waren die Jugendlichen in der Regel alle im 4-H-Club, einer großen, vom US-Agrarministerium subventionierten Jugendorganisation. Für mich spielten Anfangs die Yippie-Bücher der 60er Jahre eine große Rolle: Abbie Hoffmans »Steal This Book« oder einige Sachen von Jerry Rubin.
Istvan: Als ich 14 war, bekam ich von einem Freund ein Buch »Marxismus für Anfänger«. Ich dachte: »Hier steht ja nun einmal überhaupt nichts von brutaler revolutionärer Gewalt und diktatorischer Massenunterdrückung etc. drin«, so wie man uns das in der Schule immer vermittelt hatte. Je mehr ich mich damit auseinandersetzte, desto sympathischer fand ich den Sozialismus verglichen mit unserem System. Man fühlt sich bisweilen betrogen. Die gesamte Geschichte der Arbeiterbewegung, des Sozialismus in Amerika: Es wird offiziell so getan, als habe es das niemals gegeben. Deshalb ist Howard Zinns »A People’s History of the United States« für uns so wichtig. Es hat uns einen radikalen Perspektivwechsel ermöglicht.
Gray: In den USA verankern sie dir Schuldgefühle dermaßen tief, daß man sie eigentlich sein ganzes Leben nicht mehr los wird. Es wird im Allgemeinen unterschätzt, wie es der christlich-fundamentalistischen Rechten gelungen ist, die zunehmend verheerenderen sozialen Probleme im Mittleren Westen und im Süden auf die Ebene der Religion zu verlagern. Sie geben den Diskurs vor, alle Probleme erscheinen nur in einem religiösen Gewand. Tatsächlich jagte mir die Rockmusik bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr eine Heidenangst ein. Ich kaufte mir Platten, die mir gefielen – von Black Flag oder von den Suicidal Tendencies –, und während ich sie abspielte, wurde ich plötzlich von solchen Schuldkomplexen und Schmutzigkeitsgefühlen überwältigt, daß ich die Platten schlichtweg verbrannte.Tatsache ist, daß man dann später Tabubrüche um der Tabubrüche willen vollzog. Der repressive Charakter der amerikanischen Kultur findet hierin seine Kehrseite.
Was ist denn das Abscheulichste am Kapitalismus?
Gray: Daß eine Hoffnung auf Gleichheit im Kapitalismus grundsätzlich unmöglich ist. Den Kapitalismus kann man sich schlicht und ergreifend nicht anders vorstellen: Es muß den Hamburger-Brater geben, und es muß denjenigen geben, dem McDonald’s gehört.
Istvan: Es braucht nicht nur denjenigen, der die Hamburger wendet, sondern es bedarf auch desjenigen, der ihn unmittelbar vor Ort dabei kontrolliert. Hier stehen sich identische Menschen unmittelbar als Gegner und Konkurrenten gegenüber, und für den einen gilt: »Ich muß dich für mein Wohlergehen zur Arbeit antreiben, Deine Produktivität verbessern, deinen Lohn drücken, deinen Arbeitstag verlängern und deine Arbeit profitabel machen«, während der andere sein Interesse in genau die entgegengesetzte Richtung durchsetzen muß. Und die Botschaft ist: »Es gibt nichts, was uns verbindet, aber alles, was uns trennt.« In einem solchen System gibt es keinerlei Gemeinschaftssinn, man hetzt die Leute gegeneinander auf.
Auf der Boysetsfire-Single »Suckerpunch Training« werden diesem Kapitalismusmodell die kontinentaleuropäischen Wohlfahrtsstaaten gegenübergestellt, für das dortige Gesundheitswesen wird sogar der Sozialismusbegriff benutzt.
Gray: In den USA gilt eine allgemeine Krankenversicherung als eine schwerwiegende Form von Kommunismus: »Das ist absolut wahnsinnig! Schon allein daran zu denken! Ärzte werden auf der Straße leben müssen, wenn man so einen Schritt unternimmt!« Und das einzige, was daraus resultieren würde, wäre, daß der Arzt sich leider Gottes seinen dritten Mercedes nun doch nicht mehr leisten kann.
Wir mußten erst durch Europa touren und von einer schwedischen Plattenfirma unter Vertrag genommen werden, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie weit hier die Lebensqualität – Arbeitsplatzsicherheit, bezahlter Urlaub, Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, etc. – über derjenigen der Amerikaner liegt. In den USA bekommt man allerorten zu hören, daß man es nirgendwo besser haben könnte. Sind die Leute, die so etwas behaupten, niemals außer Landes gewesen?!
Wir befinden uns im vierten Jahr des Irak-Kriegs. 2002 gab es ein Boysetsfire-Song, in dem darauf hingewiesen wurde, daß der 11. September 2001 für die »herrschende Klasse einem erhörten Gebet« gleichkam, um das neoimperialistische Projekt mit »hard power« in die Tat umzusetzen. Mittlerweile aber scheint die US-Bevölkerung den offenen Militarismus einigermaßen satt zu haben, was sich in den niedrigsten Umfrageergebnissen widerspiegelt, die George W. Bush je erhalten hat. Warum ist die neue Boysetsfire-CD »The Misery Index: notes from the plague years« so pessimistisch ausgefallen?
Chad Istvan: Die rückläufige Zustimmung zum Irak-Krieg hängt schlicht und ergreifend damit zusammen, daß man die gesamte Angelegenheit so dermaßen vermasselt hat und der Irak-Krieg einfach von Grund auf falsch gewesen ist, daß selbst die engsten Anhänger der Bush-Clique sich mittlerweile zur Distanzierung gezwungen sehen. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß im Allgemeinen eine konservative Grundstimmung das ganze Land ergriffen hat.
Das heißt, daß der außenpolitische Neokonservatismus an Zustimmung verliert, ohne daß der innenpolitische Wertkonservatismus in die Krise gerät?
Nathan Gray: Definitiv. Insbesondere die christliche Rechte hat sowohl im Fernsehen als auch im Kino etc. mittlerweile kaum mehr einnehmbare Festungen errichtet, auch wenn sie stets so tut, als sei das Gegenteil der Fall, als leide sie unter der Herrschaft einer übermächtigen (links-)liberalen Elite. Mit der Krise des Irak-Kriegs geht keine Infragestellung der sicherheitspolitischen Einschränkungen der Bürgerrechte einher. Auch agiert die Bush-Clique weitgehend ungehindert in der Steuerpolitik, im Bildungsbereich und in der Umweltpolitik.
In unserem Umfeld – der Hardcore- und Punkszene – artikuliert sich der Konservatismus in Haltungen wie »Ach, davon will ich nichts hören, laßt mich bloß mit eurer Politik in Frieden«, sobald man Leute mit linker Politik und linken Inhalten konfrontiert. Während diese Menschen vielleicht der Auffassung sind, daß die Dinge momentan irgendwie doch schief laufen, wollen sie gleichzeitig auch nicht damit behelligt werden. Sie wollen ihr Leben ungestört genießen, fernsehen, essen, schlafen etc. Solange sie noch irgendwie über die Runden kommen, lassen sie sich nicht involvieren. In den USA sind die politisierbaren Leute entweder sehr jung und noch voller jugendlich-rebellischem Elan und Enthusiasmus oder sie sind extrem arm und wirklich am Ende. Mit anderen Worten: Es ist eine ziemlich schwierige Angelegenheit, den Durchschnittsamerikaner irgendwie politisch zu animieren.
Trotzdem hat sich in Reaktion auf die ökonomischen und politischen Krisen eine globalisierungskritische Bewegung entwickelt, die seit den militanten WTO-Protesten 1999 in Seattle wie ein linker Aufbruch wirkt. Erlebt man das in den USA anders?
Gray: Dem Geist von Seattle wurde mit dem Irak-Krieg der Hahn zugedreht. Es machte sich die Ansicht breit: »Was soll das alles noch, es bringt ja doch nichts!« Wir machen uns keine großen Illusionen darüber, was gegenwärtig für die Linke zu erreichen ist. Wer sich eine realistische Nüchternheit bewahrt, kann Rückschläge besser verkraften und sich sagen: »Egal, das ist nur eine schwer zu nehmende Hürde, wir bleiben weiter dran!« Gleichzeitig denke ich, daß eines der größten Probleme der Linken die Linke selbst ist. Denn während die Rechte so verdammt gut organisiert und aufgestellt ist und am gleichen Strang zieht, ist die Linke so sehr damit beschäftigt, Belanglosigkeiten auseinanderzupflücken und untereinander hermetische Grenzen hochzuziehen. Das Unglaubliche an Seattle bestand ja gerade darin, daß plötzlich unsentimental-pragmatische Bauarbeiter mit Ökos und Umweltschützern abhingen. Das war weder vorher noch nachher der Fall.
Seit Anfang 2004 ist von einigen Beobachtern eine Repolitisierung der amerikanischen Kulturproduzenten ausgemacht worden. Angefangen bei einigen Schriftstellern – Tony Kushner, Sam Shepard, Jonathan Franzen, Richard Powers, Jeffrey Eugenides – bis hin zur Punk- und Hardcoreszene, wo vormals unpolitische Bands dem Vorbild der klassischen Vorreiter der amerikanischen politischen Punkszene – Bad Religion, aber auch Anti-Flag oder Strike Anywhere – folgten und politische Konzerte gaben. Stimmt das nicht ein wenig hoffnungsvoller?
Istvan: Wenn es eine solche Repolitisierung gegeben hat, dann meines Erachtens nur auf kleiner Flamme; eine Entwicklung, bei der nicht über die einfache Fuck-Bush-Pose hinausgegangen wurde, was weder besonders tiefsinnig noch weitreichend ist.
Gray: Bei Green Day beispielsweise ist das nicht mehr als ein Aufspringen auf einen Zug, der gerade mal ein wenig an Fahrt gewonnen hat, wobei die Fahrtrichtung jedoch unklar ist. Man muß das mal aus einer anderen Perspektive betrachten: 2003 veröffentlichten wir »Tomorrow Come Today«. Die Platte ging absolut den Bach runter. Das soll jetzt nicht heißen, daß das nur wegen der auf der Platte ausgedrückten politischen Haltung passiert ist.
Ich will uns hier nicht zu Märtyrern stilisieren. Wahrscheinlich hing das auch damit zusammen, daß den Radiostationen die zündenden Hitsingles auf unserem Album fehlten. Trotzdem hatte unsere Plattenfirma große Schwierigkeiten, die Platte irgendwo unterzubringen. Wind-Up hatte uns vor dem 11.September unter Vertrag genommen. Nach dem Erfolg von »After the Eulogy« (2000), war das Geschäftsinteresse von Wind-Up größer als die Bedenken gegenüber unserer politischen Haltung. Nach dem 11. September wurden unsere Platten in den USA dann mit warnenden Aufklebern vertrieben, auf denen zu lesen war, daß unsere Plattenfirma keinesfalls mit unserer politischen Agenda übereinstimme. Mein Weihnachtsgeschenk vom Plattenfirmenboß war ein Foto von ihm mit Laura und George W. Bush.
Green Day und einige andere Bands äußerten sich erst dann politischer, als die vom 11. September ausgehende Lähmung langsam nachließ. Damit will ich nicht sagen, daß diese Bands alle gänzlich unaufrichtig gehandelt haben. Doch sie ließen sich von der Drohkulisse der Rechten, jegliche Kritik an der Politik der Regierung als unpatriotisch und unamerikanisch darzustellen, dermaßen einschüchtern, daß wir mit unserer Kritik an Bush, dem Afghanistan- und dem sich anbahnenden Irak-Krieg jahrelang fast allein dastanden. Das zeigt, wie wenig weitreichend die Politisierung der amerikanischen Populärkultur gediehen ist. Denn Politisierung heißt auch, sich der Meinungsmacht der herrschenden Klasse im Ernstfall widersetzen zu können.
Ihr stammt alle aus Delaware, das oft als der Süden des Nordens bezeichnet wird, der nicht nur äußerst agrarisch, sondern auch stark gewerkschaftsfeindlich geprägt ist. Wie gelangt man vor diesem Hintergrund überhaupt zur Arbeiterbewegung und zum Marxismus?
Gray: Wir politisierten uns alle etwa zur selben Zeit an der Schule. Chad und ich standen uns zunächst mit unterschiedlichen Positionen gegenüber und diskutierten die untereinander aus, wobei wir unsere Argumentationsgrundlagen aus Büchern bezogen. Mit diesem »Hobby« standen wir allerdings ziemlich alleine, denn in der Redneck-Umgebung, aus der wir stammen, waren die Jugendlichen in der Regel alle im 4-H-Club, einer großen, vom US-Agrarministerium subventionierten Jugendorganisation. Für mich spielten Anfangs die Yippie-Bücher der 60er Jahre eine große Rolle: Abbie Hoffmans »Steal This Book« oder einige Sachen von Jerry Rubin.
Istvan: Als ich 14 war, bekam ich von einem Freund ein Buch »Marxismus für Anfänger«. Ich dachte: »Hier steht ja nun einmal überhaupt nichts von brutaler revolutionärer Gewalt und diktatorischer Massenunterdrückung etc. drin«, so wie man uns das in der Schule immer vermittelt hatte. Je mehr ich mich damit auseinandersetzte, desto sympathischer fand ich den Sozialismus verglichen mit unserem System. Man fühlt sich bisweilen betrogen. Die gesamte Geschichte der Arbeiterbewegung, des Sozialismus in Amerika: Es wird offiziell so getan, als habe es das niemals gegeben. Deshalb ist Howard Zinns »A People’s History of the United States« für uns so wichtig. Es hat uns einen radikalen Perspektivwechsel ermöglicht.
Gray: In den USA verankern sie dir Schuldgefühle dermaßen tief, daß man sie eigentlich sein ganzes Leben nicht mehr los wird. Es wird im Allgemeinen unterschätzt, wie es der christlich-fundamentalistischen Rechten gelungen ist, die zunehmend verheerenderen sozialen Probleme im Mittleren Westen und im Süden auf die Ebene der Religion zu verlagern. Sie geben den Diskurs vor, alle Probleme erscheinen nur in einem religiösen Gewand. Tatsächlich jagte mir die Rockmusik bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr eine Heidenangst ein. Ich kaufte mir Platten, die mir gefielen – von Black Flag oder von den Suicidal Tendencies –, und während ich sie abspielte, wurde ich plötzlich von solchen Schuldkomplexen und Schmutzigkeitsgefühlen überwältigt, daß ich die Platten schlichtweg verbrannte.Tatsache ist, daß man dann später Tabubrüche um der Tabubrüche willen vollzog. Der repressive Charakter der amerikanischen Kultur findet hierin seine Kehrseite.
Was ist denn das Abscheulichste am Kapitalismus?
Gray: Daß eine Hoffnung auf Gleichheit im Kapitalismus grundsätzlich unmöglich ist. Den Kapitalismus kann man sich schlicht und ergreifend nicht anders vorstellen: Es muß den Hamburger-Brater geben, und es muß denjenigen geben, dem McDonald’s gehört.
Istvan: Es braucht nicht nur denjenigen, der die Hamburger wendet, sondern es bedarf auch desjenigen, der ihn unmittelbar vor Ort dabei kontrolliert. Hier stehen sich identische Menschen unmittelbar als Gegner und Konkurrenten gegenüber, und für den einen gilt: »Ich muß dich für mein Wohlergehen zur Arbeit antreiben, Deine Produktivität verbessern, deinen Lohn drücken, deinen Arbeitstag verlängern und deine Arbeit profitabel machen«, während der andere sein Interesse in genau die entgegengesetzte Richtung durchsetzen muß. Und die Botschaft ist: »Es gibt nichts, was uns verbindet, aber alles, was uns trennt.« In einem solchen System gibt es keinerlei Gemeinschaftssinn, man hetzt die Leute gegeneinander auf.
Auf der Boysetsfire-Single »Suckerpunch Training« werden diesem Kapitalismusmodell die kontinentaleuropäischen Wohlfahrtsstaaten gegenübergestellt, für das dortige Gesundheitswesen wird sogar der Sozialismusbegriff benutzt.
Gray: In den USA gilt eine allgemeine Krankenversicherung als eine schwerwiegende Form von Kommunismus: »Das ist absolut wahnsinnig! Schon allein daran zu denken! Ärzte werden auf der Straße leben müssen, wenn man so einen Schritt unternimmt!« Und das einzige, was daraus resultieren würde, wäre, daß der Arzt sich leider Gottes seinen dritten Mercedes nun doch nicht mehr leisten kann.
Wir mußten erst durch Europa touren und von einer schwedischen Plattenfirma unter Vertrag genommen werden, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie weit hier die Lebensqualität – Arbeitsplatzsicherheit, bezahlter Urlaub, Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung, etc. – über derjenigen der Amerikaner liegt. In den USA bekommt man allerorten zu hören, daß man es nirgendwo besser haben könnte. Sind die Leute, die so etwas behaupten, niemals außer Landes gewesen?!
tobicore - 22. Mai, 11:52











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